Fachtag 2019: „Trauer – stört? Ist das noch normal?“

Fachtag 2019: „Trauer – stört? Ist das noch normal?“

Hier mein kleiner Bericht zum Fachtag am 06.03.2019 im Hospitalhof in Stuttgart (vom Hospiz Stuttgart und der Elisabeth-Kübler-Ross Akademie).

Schon lange hatte ich Vorfreude auf diesen Event und war dann von der Größe, den Menschen und den inspirierenden Rednern positiv überwältigt und überrascht.

Es waren 600 TeilnehmerInnen (mehrheitlich Frauen). Wie wundervoll, dass sich so viele Menschen für dieses Thema, dass so schwer anmutet, interessieren und leidenschaftlich engagieren. Auch allen, denen man dort unbekannterweise über den Weg lief, waren überaus freundlich und zuvorkommend. Es gab viele kleine herzliche Gespräche unter eigentlich Fremden. Ich traf aber auch auf einige bereits bekannte Gesichter aus der Reutlinger Gegend. Tolle engagierte Menschen. Was für ein wundervolles Wiedersehen.

Da Chris Paul auf der Veranstaltung Rednerin war, hab ich mir ein Buch von ihr zum Signieren mitgenommen (Danke nochmal, liebe Stefanie, für dieses Buchgeschenk). Ich habe mir erstmal noch offen gehalten, ob ich mich traue es ihr hinzuhalten oder nicht. Ich nehme mal vorweg, ich habe mich getraut. Ich habe mit ihr und auch mit Fr. Prof. Dr. Luise Reddemann einige Worte gewechselt (auf eine etwas eingeschüchterte Art, vor soviel Lebensleistung und Power). Ich kann nur sagen, was für tolle inspirierende Frauen. Nächstes Mal, ich hoffe es gibt ein nächstes Mal irgendwo, dann werde ich auch Fr. Reddemann noch ein Buch zum Signieren unter die Nase halten.

Hier ein paar Impressionen vom Fachtag Trauer 2019:

Volles Foyer morgens bei der Anmeldung – für Essen und Trinken ist auch gesorgt
Der Flyer
Mit diesen wunderschönen Blasinstumenten wurde die Veranstaltung von Mike Schweizer musikalisch begleitet und so auch noch zu einem Hörerlerlebnis

Vormittags sprach, neben Begrüßungsworten durch Susanne Haller und Grußworten von Marianne Bevier, Chris Paul über „Die Bedeutung der Anhaltenden Trauerstörung für Trauernde und ihre BegleiterInnen“. Chris Paul hat auch für uns gesungen, z. B. „Mensch“ von Herbert Grönemeyer.

Chris Paul: „Trauerprozesse sind die natürliche und ganzheitliche Reaktion auf bedeutsame Verluste.“

Chris Pauls Vortrag am Vormittag

Nach einer kleinen Pause sprach Fr. Prof. Dr. Luise Reddemann über folgendes Thema: „Wie viel Resilienz- und Ressourcenförderung ist förderlich für Trauernde und für die TrauerbegleiterInnen“. (Hier habe ich keine Fotos gemacht, da dies nicht erwünscht war.)

Sie sprach z. B. über die „Dauermanualisierung“ in der ärztlichen und psychologischen Ausbildung und deren Behandlung und wünschte sich aber, dass die Individualität aller Menschen auch wieder vermehrt Anerkennung finden soll. Manuale sollen nur als Orientierung dienen, sagte sie. Wir sollten kein Dogma aus ihnen machen. Außerdem meinte sie, dass so eine Verallgemeinerung menschenrechtsverletzend sein kann. Das waren sehr starke Worte, mit denen Sie für eine individuelle Sicht auf den Patienten / Klienten plädierte. Sie sagte auch, dass wir eben keine Stehaufmännchen und -frauchen sind und wenn es hart auf hart kommt, kann es auch den geborenen Kämpfer umhauen. Man könnte demjenigen doch einfach erlauben auch mal liegenzubleiben. Sie sagte auch, wir können nicht mir allem fertig werden. Manchmal müssen wir die Dinge einfach nur aushalten und da wäre Akzeptanz anzustreben.

Das DSM (amerikanisches Diagnostisches Manual) gibt Trauernden gerade mal 14 Tage zum intensiven Trauern. Die neue ICD11 (wird hier in Deutschland zur Diagnose von Erkrankungen verwendet) wird Trauernden auch nur 6 Monate als Zeitkriterium für gesunde Trauer geben:

Fr. Reddemann plädiert:
„Menschen brauchen mehr Zeit zum Trauern!“
„Nehmen Sie sich Ihre Zeit!“

Sie möchte Menschen Mut machen zu sich zu stehen. Sie meint die aktuelle Gesellschaft hat eine ungünstige Vorstellung von Tapferkeit mit der Folge, nicht trauern zu dürfen. Dies sei auch ein transgenerationales Problem. Sie spricht sich dafür aus, weich werden zu dürfen, mit sich selbst barmherzig und mitfühlend zu sein, denn man kann nichts erzwingen.

Fr. Reddemann erzählte immer wieder herrliche Anekdoten. Sie ist `43 geboren, also 76 Jahre jung und kann aus beeindruckenden Lebenserfahrungen schöpfen. Sie berichtete einige körperliche Krankheiten zu haben, aber selten zu tun, was die Ärzte von ihr wollen. Die wollen alles immer schnell schnell heilen, meinte Sie. Sie aber gibt ihrem Körper auch mal die Zeit sich selbst zu heilen. Und das wünscht sie sich auch für die Trauernden.

Ihr seht, Fr. Reddemann hat mich tief beeindruckt, eigentlich wollte ich inhaltlich gar nicht so viel schreiben, aber Sie ist mir mit ihrer Einstellung und Art ein grandioses Vorbild.

Dann war Mittagessen-Zeit. Es war sehr sehr köstlich.

Nachmittags gab es 4 unterschiedliche Foren, für die man sich in der Anmeldung entscheiden sollte. Ich wäre am Liebsten überall dabei gewesen, dass könnt ihr mir glauben.

Forum #1 – Das Kaleidoskop des Trauerns von Chris Paul

Hier war ich dabei und Chris Paul hat uns ihr Kaleidoskop (oder auch die „Trauertorte“) vorgestellt. Hier könnte ich jetzt auch schon wieder 5 Seiten Aufsatz darüber schreiben. Aber wisst ihr was? Chris Paul hat eine tolle Webseite, auf der ihr euch das Kaleidoskop interaktiv erklären lassen könnt: Hier auf https://www.chrispaul.de bzw. https://www.chrispaul.de/trauerkaleidoskop/

Ein paar tolle Stichpunkte möchte ich doch loswerden:

  • Trauerprozesse sind beweglich, veränderlich, 3-dimensional, ganzheitlich, ..
  • Trauer ist nichts „Schlimmes“, Trauer ist normal!
  • Überleben hat Vorrang!
  • Überleben wird irgendwann zu Leben wird irgendwann wieder zu Genuss
  • Ein Schmerz der Seele wird zum Schmerz des Körpers, wenn er sich nicht ausdrücken darf.
  • Du bist normal und du machst das richtig!
  • Sie hat tolle Mantren gesungen (Chris Pauls CD hab ich direkt noch am Fachtag geshoppt)
Chris Paul in Aktion beim erklären des Kaleidoskops

Schaut rein bei https://www.chrispaul.de für mehr Infos

Bei den anderen 3 Foren konnte ich also leider nicht dabei sein. Trotzdem hier, was noch im Angebot war:

Forum #2 – Wie viel Resilienz- und Ressourcenförderung ist förderlich für Trauernde und für die TrauerbegleiterInnen von Prof. Dr. Luise Reddemann

Forum #3 – Was Trauer erschwert und verhindert von Martin Klumpp (38 Jahre Erfahrung in der Trauerarbeit!)

Forum #4 – Eure Trauer stört den Ablauf! Krisen- & Trauerbewältigung für und bei Flüchtlingen mit Mariel Pauls-Reize

Es war ein toller und inspirierender Tag!
Ich bin genau richtig wo ich bin..

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