Haiku und Senryū

Vielleicht hast du mal Lust dich an kreativem Schreiben zu versuchen, denn wer schreibt, verändert sich. Du schulst deine achtsame Wahrnehmung und bereicherst dich um eine neue Ausdrucksfähigkeit für Gedanken, Gefühle und vieles mehr.

Wie wäre es mit der kürzesten Gedichtform der Welt?
Lust? Ja? – Dann stelle ich dir gerne das Haiku und das Senryū vor.

Haiku und Senryu

Haiku

Das Haiku entstand im 16. Jahrhundert in Japan. Das Kurzgedicht besteht aus 3 Zeilen und 17 Silben, die wie folgt verteilt sind:

Erste Zeile: 5 Silben
Zweite Zeile: 7 Silben
Dritte Zeile: 5 Silben

Ein Haiku beschreibt einen Augenblick aus der Natur (z. B. Jahreszeit, Sinneseindrücke)

Ein Haiku muss nicht alles erklären. Besser, es ermöglicht dem Leser, sich eigene Gedanken, Gefühle und Assoziationen dazu zu machen (Kunst des Nicht-Sagens). Geschrieben wird es in der Gegenwart und in einfacher und bildhafter Sprache.

Beispiele:

Dieser schmale Weg!
Nicht ein einziger Mensch kommt
in dieser Herbstnacht.
(Matsuo Bashô)

Abend im Herbst.
Auf einem dürren Ast
hockt eine Krähe.
(Matsuo Bashô)

Beispiele von mir (als Bilder):

Merke: Du bist ein freier Mensch und musst dich nicht sklavisch an die Silbenzählung halten, wenn du merkst, dass es für dich und dein Werk nicht passt! Die Silbenregel ist nur ein Hilfskonstrukt und im Deutschen sowieso umstritten.

Senryū

Während das Haiku eine naturbezogene Wahrnehmung beschreibt, ist das Senryū freier in der Themenwahl. Es befasst sich meist mit persönlichem, emotionalen Inhalt, z. B. ein Gefühl, seelisches Erleben, aktuelles Ereignis aus dem gesellschaftlichen Leben, Gesellschaftskritik. Ein Senryu kann auch karikierend und humorvoll sein.

Das Senryū entwickelte sich als Gegenbewegung zum Haiku und seiner strengen inhaltlichen Vorgabe, dass es auf die Natur bezogen sein muss. Dennoch sind die Übergänge und Grenzen manchmal fließend.

Die Form ist die Gleiche wie beim Haiku. 17 Silben, verteilt auf 3 Zeilen (5 – 7 – 5).

Beispiele von mir:

Fühl mich so einsam,
obwohl du neben mir bist.
Unsichtbare Wand.
(Sandra Anna Lang)

Hass im Internet
Schreckliche Kommentare
Mitgefühlsbefreit?
(Sandra Anna Lang)

Und jetzt?

Wenn Du nun möchtest, nimm achtsam einen Augenblick wahr (z. B. den Jetzigen) und schreibe ihn in einem Haiku (mit Bezug zur Natur, Jahreszeit – Spaziergänge sind dazu super) oder wenn du beispielsweise die Wahrnehmung eines Gefühls beschreiben willst, in einem Senryū, nieder.

Related posts